Der Sinn

Im Hintergrund läuft melodisch Gracetown durch die qualitativ schlechten aber ideell unbezahlbaren Kopfhörer in meine Ohren. Die Häuser, Bauten, Straßen, Gleise und Bahnhöfe schwimmen an mir vorbei. Die kurzen Halte sind wie Luft schnappen. Muss an den hervorragenden Text eines Freundes über Traffic Junkies denken. Lächle. Fühle mich als einer derselbigen ertappt, nur dass ich dabei entspannen kann. LOVE YOU steht gut leserlich zu meiner Linken auf der Glasscheibe eines S-Bahnhofs. Schon geht es an einem Parkplatz für Gebrauchtwagen vorbei auf dem zwei Bäume mit Misteln stehen. Wusste gar nicht, dass es die hier gibt. Eine Frau mit einem kleinen knallbunten Koffer setzt sich zu mir und meinem Gepäck. Eigentlich wollte ich ein bisschen reflektieren und meine Gedanken fließen lassen, aber in der S41 sieht man doch einfach zu viel. Zum Beispiel den schlafenden Mann im Nachbarsitz, der mich an den oben genannten Freund erinnert. Und diese beiden schönen jungen Frauen, denen ich bei einer Begegnung auf der Straße nicht zugetraut hätte, dass sie hier drin Bücher lesen. Plötzlich rechts von mir ein weites freies Feld und der Fernsehturm in weiter Ferne. Sind wie außerhalb der Stadt? Ist das etwa doch nicht die Ringbahn? Drehe mich verwirrt zur Anzeige um, bis ich verstehe, dass das das Flughafengelände ist. Die rot, gelb, grünen Farben der Häuser und Absperrzäune harmonieren. Wollte ja eigentlich über uns nachdenken. Herausfinden, was ich fühle und denke bzw überlegen wie ich mich verhalten soll, aber ich habe ja noch vier Stunden reinste Busfahrt vor mir. Das sollte reichen. Ein real,- Schild größer als mein Zimmer lässt mich schon wieder an der Menschlichkeit dieser Welt zweifeln und nebendran große graue Wohnblocks, die nur nachts schön anzusehen sind. Schaue sicher schon zum zehnten Mal heute in die schönen braunen mandelförmigen Augen von Josephine Preuß. Auf einem verlassenen Gebäude stehen nicht funktionierende Leuchtbuchstaben, die das Wort APPLAUS bilden. Ironie der Großstadt. Eine Allee aus Geisterbäumen kommt in mein Blickfeld. Die Spree wird überquert. Der Turm kommt wieder näher und im Hintergrund raucht ein Industrieschlot. Wo ist der Sinn? Warum liest du?