"Stell dich nicht so an"


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Fremderfahrungen und eine Anekdote

 

 

Meine Erfahrungen mit dem Satz sind sehr ambivalent. Nahezu gegensätzlich.

Als kleines Vorwort möchte ich allerdings erzählen, wie es anderen mit der Aussage „Stell dich nicht so an geht.“

Die meisten mit denen ich über diese, häufig als Appell angesehene, Wortkonstellation redete stellten sie als übergriffig dar, sowohl der Situation, als auch der Person nicht geeignet und destruktiv.

 

Denn meist wurde ihnen gegenüber dieser Satz ausgesprochen in Momenten in denen sie ihr Leid vorbrachten.

Nicht etwa ihre alltäglichen kleinen Wehwehchen und Mimimis, sondern ihre großen Sorgen und ihren aufrichtigen Kummer und wichtigen Probleme ihres Lebens. Momente in denen man selbst keinen Ausweg sieht, Themen, die man in einem Setting vorträgt in das man Vertrauen hat, dass es gut tut. Und dann kommt der niederschmetternde und für viele sogar zerstörerische Satz: Stell dich nicht so an.

Häufig gefolgt von Floskeln und oberflächlichen Ratschlägen.

 

Und das schmerzt.

 

Es schmerzt, weil man nicht nur das Gefühl hat in seinem safe-space, seinem gefühlten Wohnzimmer, verletzlich im metaphorischen Krankenbett etwas leisten zu müssen, zudem man sich nicht in der Lage fühlt, sondern zusätzlich, weil man sich getäuscht hat. Oder sich zumindest so fühlt. Getäuscht in den oder dem Menschen. Vertrauen und Offenheit wurden mit einem nicht heilsamen Satz beantwortet.

 

Das führt dazu, dass man sich mehr verschließen möchte. Sich seltener traut in diesem Umfeld offen zu sein, aber auch sich nochmals kritisch hinterfragen muss:

Stelle ich mich wirklich einfach an?

Muss ich mehr leisten?

Bin ich schwächer als die anderen?

 

Und in Momenten in denen man sich durch den Satz erniedrigt fühlt, wird man sich diesen Gedanken schutzlos ausgeliefert fühlen und kaum weiterhin in der Situation nach Trost fragen.

 

Selbst wenn man ihn dringend benötigen würde.

 

 

Egal aus welchem Grund das Gegenüber so reagiert hat.

 

Denn dafür gibt es einige Gründe.

z.B. Hilflosigkeit: Das Gegenüber weiß nicht, wie es reagieren soll und greift auf oft gehörte Sätze zurück, um zumindest irgendetwas zu sagen.

Oder Motivation: Das Gegenüber meint den Satz aufbauend, kann es aber nicht zeigen bzw. man kann in seiner Trauer und Negativität das freundliche daran nicht entdecken.

Aber auch Ärger: Das Gegenüber kann das Problem im Erzählten nicht sehen und sieht es als ungerechtfertigt an, etwas Alltägliches, was doch geschafft werden müsse. Man selbst bekommt es ja schließlich auch hin, selbst wenn man mal keine Lust hat. Kein Grund sich hier aufzuspielen.

 

Das waren zumindest Erfahrungen, die andere Personen an mich heran getragen haben.

 

Auch ich wurde häufiger mit diesem Satz bedacht und es hat mich häufig in eine Trotzreaktion geführt: Lauteres Reden bis Schreien, sich immer wiederholende Sätze, DASS DAS SO NICHT GEHT! ICH KANN GERADE NICHT, ES IST NICHT MÖGLICH! Und ich merke wie ich mich während des Schreibens anspanne und verkrampfe. Weil ich verstanden werden möchte, weil ich nicht weiß, wie ich mit mir umgehen soll, deswegen rede ich ja mit dir! Weil ich keine Ahnung habe, was los ist und ich mir fremd bin, und werde, und weil du mir nicht hilfst, wo ich mir doch selbst auch nicht helfen kann! Wirf mir doch nicht vor...

 

Aber es gibt auch eine andere Geschichte, die sich deutlich von den anderen unterscheidet.

 

Ich habe einen lieben Menschen an meiner Seite und um es liebevoll auszudrücken:

Soziale Kompetenzen sind nicht so die Stärke dieser grandiosen Person.

 

Dennoch haben wir seit längerer Zeit ein Vertrauensverhältnis.

 

Der Beginn der Zeit in der ich mich von mir selbst entfernte und anders wurde, so wie ich es jetzt bin, war auch in etwa die Anfangszeit dieser nun tiefen Freundschaft.

Die damals eben noch nicht so festigend war.

 

Wir wohnten zusammen.

Daher hatte ich viel Zeit die Marotten des Gegenübers zu erlernen.

 

So auch den Sprachgebrauch.

Und als ich an einem Nachmittag jammerte und traurig war, verängstigt und verzweifelt, sowie müde und abgekämpft durch die Schlacht, die ich gegen mich selbst verloren hatte, da sagte dieser Mensch:

Stell dich nicht so an.

 

Allen hätte ich es übel genommen.

Allen.

Meinen Eltern, den damaligen liebsten Menschen und Mentoren, flüchtigen Bekannten und dem Internet.

 

Aber nicht dieser Person.

Denn diese Person hatte keinen anderen Worte.

Und häufig nutzte sie nach Erzählungen keine Worte, weil kein Interesse an Kommunikation oder weiterem Austausch über das Erzählte bestand.

 

Höflichkeit und Desinteresse waren ein sehr großer Faktor, über lange Zeit unserer nächtlichen Unterhaltungen hinweg..

 

Aber das Worte genutzt wurden, zeigte eine andere Dimension auf.

 

Mir zumindest.

Mir zeigten sie: Ich habe dir zugehört.

 

Ob ich das überinterpretiert habe oder nicht, könnte ich bestimmt nachfragen.

Möchte ich aber nicht.

Denn in dem Moment wollte ich das glauben und es hat mir gut getan.

Und seitdem verbinde ich diese mit diesem liebenswerten Menschen, was sie mir zu lieben bitteren Begleitern gemacht hat.

 

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Wie so oft habe ich den Blog nicht nochmals Korrektur gelesen, was ihn an einigen Stellen bestimmt kantig wirken lässt.

 

Aber ich hoffe es konnte dir eine andere Perspektive auf irgendetwas geben, denn Perspektivwechsel sind häufig gut.

 


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Kommentare: 1
  • #1

    LuzieSepp (Dienstag, 14 August 2018 22:18)

    Allen Respekt, wie du versuchst, jemandem, der dir nahe steht zu verstehen und Äußerungen, die nicht immer positiv klingen, so zu deuten wie sie eventuell gemeint sind. Nämlich: ich steh dir nahe, ob es dir gut geht oder nicht, ob es mir gut geht oder nicht, ich bin jedenfalls bei dir.

    Die Änderung, die diese Person bei dir bewirkt hat, finde ich auf jeden Fall positiv.